Interview mit einem Achterbahnhersteller

Veröffentlicht am 26. Juni 2022

Um noch tiefer in die Materie einsteigen zu können und zahlreiche meiner Fragen von einem Experten beantwortet zu bekommen, habe ich eine Anfrage an die Firma Mack-Rides gestartet.

Diese hat sich dankenswerterweise die Zeit genommen, meine offenen Fragen zu beantworten.

Vielen Dank dafür!

Interview mit dem Achterbahnhersteller Mack-Rides von 2013 (Herr Roeser)

1) Welche Grenzen für Material und Mensch (gesundheitlich) müssen beim Bau einer Achterbahn eingehalten/beachtet werden?

Die Grenzen des Materials sind durch verschiedene Normen festgelegt. Wir arbeiten hier je nach Lieferung nach der amerikanischen Norm ASTM, der EN oder der ISO Norm. Materialien lassen sich je nach Bauweise natürlich verstärken und so herstellen, dass auch große Belastungen gut abgedeckt sind. Was den Menschen angeht ist vor allem die Beschleunigung um die räumlichen Achsen recht schwierig. Vertikale Kräfte kann der Mensch recht gut verkraften, wobei laterale Kräfte zur Seite eher unangenehm sind. Mack Rides und auch alle anderen Hersteller spielen natürlich mit den verschiedenen G-Kräften um so einen möglichst abwechslungsreichen Fahrverlauf zu Stande zu bekommen. Mack Rides im speziellen hat aber die Maxime die Anlagen so zu konstruieren, dass die ganze Familie sich traut und freut damit zu fahren.

2) Welche Antriebsarten werden von Ihnen für den Start einer Achterbahn bevorzugt und wieso? Wie sieht die Entwicklung und Anwendung für die Zukunft aus?

Es gibt eigentlich zwei verschiedene Antriebsarten:

1) Wir befördern den Wagen/Zug auf eine gewisse Höhe und nutzen dann die Lageenergie um wieder in die Station zurückzukommen. Das kann entweder mit Stahlketten, Reibrädern oder Spiralliften von statten gehen.

2) Wir beschleunigen den Wagen auf eine gewisse Geschwindigkeit mit Hilfe von Linear Synchronmotoren. Haben wir hier eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht, schließt sich meist ein Hochpunkt an, von dem aus der Wagen dann die Strecke bis zum Schluss schafft

3) Welche Technik verwenden Sie für einen Katapultstart?

Siehe 2) Wir nutzen ausschließlich LSM Antriebe, da diese im Gegensatz zu Hydraulik-Antrieben mit Stahlseilen komplett verschleißfrei ist. Dieses System arbeitet kontaktlos und somit fällt keinerlei Abnutzung des Antriebs an. Die Statoren entlang der Strecke sind dort die abgewickelten Drähte eines normalen Motors und unser Fahrzeug hat jeweils 2 große Dauermagnete auf der Unterseite. Durch die Statoren initiieren wir ein wanderndes Magnetfeld, auf welches die Magnete der Wagen dann reagieren.

4) Mit welcher Technik funktioniert das Fahrgastbügelsystem? Was macht es so ausfallsicher?

Wir arbeiten hier mit verschiedenen Systemen. Zum einen mit Zahnstangen, die auch das charakteristische Klacken beim Einsteigen verursacht. Diese sind meist noch über einen Druckbehälter zusätzlich gesichert, sodass sich die Bügel nur durch Ablassen des Drucks wieder öffnen lassen. Dazu benötigt man eine Stromzufuhr die es nur im Bahnhof gibt. Bei einer Evakuierung nutzen wir dann tragbare Stromversorger um die Bügel der Gäste wieder zu öffnen.

Bei unserem Launch Coaster haben wir die sicherste Klasse an Bügelsystem verbaut. Hier wirken 2 unabhängige Druckbehälter auf der Rückseite des Sitzes und halten den Fahrgastbügel geschlossen.

5) Von der Planung bis zur Fertigstellung: Wie lange dauert die Produktion einer Achterbahn durchschnittlich?

Man kann in etwa mit einem Jahr an Arbeitszeit rechnen. Da viele verschiedene Abteilungen zusammenwirken und der Transport und Aufbau auch noch Zeit benötigt, kommt man mit dieser Schätzung ganz gut hin. Natürlich sind bereits konstruierte Bahnen leichter „nachzubauen“ als ein komplett neues Layout.

6) Wie viel Mitarbeiter sind insgesamt am Bau einer Achterbahn beteiligt?

Wir beschäftigen hier in Waldkirch 120 Mitarbeiter wobei 80 – 90 davon in der Fertigung tätig sind. 15 Ingenieure kümmern sich um die technischen Zeichnungen und die Planungen.

7) Gibt es auch Achterbahnen, die nicht wie geplant funktioniert haben? Fehlproduktionen?

Mir ist bisher keine bekannt. Natürlich gibt es in der Branche immer wieder solche Fälle aber ich habe noch von keiner unserer Anlagen gehört, die wir grundlegend hätten ändern müssen. Mittlerweile arbeiten wir so präzise, vor allem in der Fertigung der Schienen und Fahrzeuge, dass wir eine Toleranz von 0.1 Millimeter haben. Das spürt man sicher auch an den Fahreigenschaften unserer neueren Achterbahnen.

8) Gewähren Sie ihren Kunden eine Garantie? Welche Leistungen sind nach Auslieferung noch Inbegriffen?

Eine gesetzlich vorgeschriebene Garantie von 2 Jahren gibt es. Andere Leistungen wie Ersatzteilpakete, Trainings der Mitarbeiter und Operator, der Aufbau oder Inspektionen nach Ablauf der Garantie sind dann Verhandlungssache.

9) Wie viele Achterbahnen produzieren Sie pro Jahr?

Schwierig hier eine klare Antwort zu geben. Das kommt immer auf die Größe der Anlagen an. Wir sind momentan in der glücklichen Position sehr flexibel auf die Auftragslage zu reagieren und schnell Schienen zu fertigen. Wir werden in etwa 8 – 9 Anlagen pro Jahr ausliefern können, wobei wir natürlich auch kleinere Wasserfahrgeschäfte im Produktumfang haben und nicht nur große Loopingachterbahnen.

10) An welche Länder werden die meisten Achterbahnen ausgeliefert?

Mack Rides hat seinen Schwerpunkt noch in Europa wobei Asien, die USA und der nahe Osten immer stärker auf uns aufmerksam wird.

11) Welcher Achterbahntyp ist der beliebteste und wieso?

Die Popularität der Achterbahnen richtet sich auf das Zielpublikum. Eine Wilde Maus kann in einem kleineren Park mit jüngerem Publikum viel erfolgreicher und beliebter sein als eine Katapultachterbahn. Da wir unsere Produkte nach und nach entwickelt haben ist es schwer hier eine Gattung herauszuheben.

12) Was war die aufwendigste und komplizierteste Achterbahn, die Sie je gebaut haben?

Die aufwändigsten Projekte stehen uns momentan ins Haus: Projekt Helix im schwedischen Liseberg und die neue Attraktion für den Europa-Park 2014 sind sehr herausfordernd, machen aber gleichzeitig sehr viel Spaß.

Projekt Helix eröffnet 2014 im schwedischen Freizeitpark Liseberg und wird mit einer Länge von 1355 Metern die längste Achterbahn in Europa sein. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 km/h die durch ein LSM Antrieb erreicht wird, erreicht die Achterbahn eine Höhe von bis zu 41 Metern. Die Kosten der Achterbahn betragen ca. 23. Mio. Euro.

Abbildung: Artwork der Mega-Achterbahn “Projekt Helix“ im schwedischen Liseberg [Quelle: www.projekthelix.se]

Abbildung: Artwork der Mega-Achterbahn “Projekt Helix“ im schwedischen Liseberg [Quelle: www.projekthelix.se]

13) Was passiert bei einem Stromausfall? Gibt es einen Notfallplan oder ein Notstromaggregat bei Achterbahnen?

Bei Stromausfall schließen sich die Bremsen automatisch. Jede Achterbahn hat Blockabschnitte mit Bremsen. Ist der Block vor dem Zug frei benötigen wir Strom um die Bremse offen zu halten. Ist der Strom weg, schließt sich die Bremse. Bei Katapultachterbahnen oder Magnetbremsen benötigen wir nie Strom, da die Bremsschwerter die Wirkung nur durch die Bewegung des Zuges durch das Magnetfeld entfalten. Strom benötigen wir dann in transportabler und unabhängiger Form wenn es um die Öffnung der Bügel geht.

14) Welcher ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Faktor, dass Menschen eine Achterbahn betreten?

Risikofreude bei absoluter Sicherheit. Die Gefühle des Herausfallens, Schnellen Richtungswechseln, auf dem Kopf stehen und anderem kann man einfach nur so sicher in Achterbahnen erleben. Dazu kommt noch ein wenig Neugier und schon hat man den Alltag hinter sich gelassen.

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